Laatzen - Park der Sinne

Als Bürger einer Stadt ist man der öffentlichen, künstlichen Beleuchtung hilflos ausgeliefert. Dunkelheit, bei der sich der Sternenhimmel in seiner ganzen Pracht bewundern lässt, gibt es nur weit außerhalb der Stadt auf dem Land. Das Beleuchtungskonzept für den Park der Sinne gilt als Beispiel für ein neues Denken und Planen. Die unkonventionelle Art, mit der hier Lösungen für die Parkbeleuchtung entwickelt wurden, zeigt die Vielfalt der Gestaltungsmöglichkeiten mit Licht und kann zum Nach- und Weiterdenken anregen.

Gestalterischer Schwerpunkt des Projekts „Regionaler Landschaftsraum am Kronsberg“, initiiert von der Region Hannover und der Stadt Laatzen, ist der Park der Sinne. Dieser gehört zu den schönsten „Hinterlassenschaften“ der Weltausstellung EXPO 2000 in Hannover und verbindet die Leineaue mit dem Kronsberg. Geplant hat den für die Erholungs- und Lebensqualität eines städtischen Siedlungsraums wichtigen Park, ebenso wie den darüber hinausgehenden Grünzug, der hannoversche Garten- und Landschaftsarchitekt Hans-Joachim Adam. Teilweise sind Ideen von Hugo Kükelhaus umgesetzt worden, der vor allem durch das von ihm propagierte Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne bekannt ist. So ist der Park nicht nur ein Erholungsort für Spaziergänger, sondern regt auch durch unterschiedliche Erlebnisse die fünf Sinne Sehen, Hören, Fühlen, Schmecken und Riechen an. Wahrnehmung, Besinnung, Selbsterfahrung, Ruhe und Natur werden dabei angesprochen.

Das Beleuchtungskonzept für den Park der Sinne ist fokussiert auf den Menschen sowie auf den rücksichtsvollen Umgang mit der Natur. Ganz im Sinne des Parks nehmen die visuelle Wahrnehmung des Menschen und die Schärfung der Sinne einen besonderen Stellenwert ein. Den Besuchern soll die vergleichsweise niedrige Helligkeit ermöglichen, durch Adaptation der Augen auch schwache Lichtquellen wie den Sternenhimmel bewusst wahrzunehmen.
Anstatt den Park oder die Parkwege auf die herkömmliche Art flächig und möglichst hell auszuleuchten, bilden einzelne dauerhaft illuminierte Elemente einen Teil der Allgemeinbeleuchtung. Andere Elemente werden abhängig von Anzahl und Bewegung der Besucher dynamisch inszeniert. Diese Strategie unterscheidet sich von den überwiegenden Konzepten für Parks und Promenaden, die sich ausschließlich auf der Wegebeleuchtung beschränken und so lediglich Orientierung, ohne Kommunikation der Landschaft, bieten.
Im Park der Sinne lassen Uplights Bäume, Pflanzen und Objekte aus der Dunkelheit hervortreten ebenso wie die nächtliche Schönheit. Auf eine direkte Ausleuchtung der Wege wird bewusst verzichtet, d.h. auch Richtlinien, wie die DIN 18024 oder DIN EN 13201 nicht angewendet. Drei grundlegende Szenarien prägen das Konzept: die dynamische Anpassung der Lichtsituation an die Bewegung der Menschen, die neuen Lichterlebnisstationen und die jahreszeitlich bedingte Ausrichtung der Leuchten selbst.

Dafür wurde eine Sonderleuchte entwickelt, mit der sich – als grundlegender Bestandteil des umweltbewussten Gesamtkonzepts – gerade Bäume ausgezeichnet inszenieren lassen. In den Boden eingebaute LED-Strahler strahlen Stamm und Baumkrone von unten an. Im Normalfall ist diese Art der Beleuchtung nicht ökonomisch, denn viel Licht wird nach oben am Objekt vorbei ungenutzt in den Himmel gelenkt. Die projektspezifische Leuchte vermeidet dies, da die Lichtabstrahlung an die Jahreszeiten automatisch angepasst wird. Die Lösung besteht aus separat ansteuerbaren Optiken. Sensoren erfassen den Belaubungszustand der Bäume und rufen entsprechende vorprogrammierte Beleuchtungsszenen ab. Die Dimmwerte der einzelnen LEDs bestimmen dabei die Leuchtoptik. Bewegungsmelder und Dimmbarkeit minimieren so die „Lichtverschwendung“.

Über das sensorgesteuerte System, das Bewegung im Park erfasst, werden differenzierte, dynamische Lichtwirkungen angestoßen. Teilweise reagieren die Leuchten direkt auf die Bewegung der Besucher, teilweise lassen sich per Knopfdruck verschiedene veranstaltungs- oder nutzungsabhängige Szenarien abrufen. Reduzierung und Optimierung der heutigen, städtischen Beleuchtung sind aus verschiedenen Gründen sinnvoll und notwendig.


Um Pflanzenwachstum und Tierwelt nicht zu stark zu beeinflussen ebenso wie Energieverbrauch und Lichtverschmutzung zu minimieren, schaltet sich das Licht nur ein, wenn sich tatsächlich Personen im Park aufhalten. Die übrige Zeit bleibt die Grünanlage so oft und so lange wie möglich in der nächtlichen Dunkelheit. Betrachtet man den Park von außen, so lässt sich die Veränderung der Beleuchtung am besten durch das Bild von sanften Wellen beschreiben. Die Lichtintensität soll sich langsam wandeln, damit es den Augen leichter fällt, sich an eine neue Beleuchtungssituation zu gewöhnen.

Laatzen, die „Stadt der Sinne“, ist offen für Ideen und hat Sinn für die Zukunft. Sie schließt mit seiner Innovationskraft eine Klammer zwischen zwei großen Weltereignissen. Gemeint sind hier zwei Weltausstellungen, in denen es um Lebensqualität und Zukunftssicherung geht. Die Botschaft des deutschen Pavillons an der EXPO 2010 lautet: „Es ist durchaus erstrebenswert in einer Stadt zu leben, wenn sie sich in Balance befindet - im Gleichgewicht zwischen Erneuern und Bewahren, Innovation und Tradition, Stadt und Natur, Gemeinschaft und Individuum, Arbeit und Freizeit.“ Das Lichtkonzept für den Park der Sinne ist nur ein Baustein und eine Klammer zwischen zwei weit entfernten Orten, deren konzeptionelle Grundgedanken in einem Zeitabschnitt von zehn Jahren doch so nah beieinander liegen. Ein Zeichen in einer globalisierten Welt aus einer Stadt mit 40.000 Einwohnern. Eine Stadt die wächst – vielleicht eben deswegen.

Projektdaten

Bauherr: Stadt Laatzen
Lichtplanung: Studio DL Norbert Wasserfurth, Johanna Hermann
Baufertigstellung: 2008-2009
Fotos + Darstellung: Johanna Hermann

Projektbilder | Laatzen - Park der Sinne